Physiotherapie Krankengymnastik

Gerda Schier-Jobusch

was ist Krankengymnastik / Physiotherapie?

Der alte Begriff Krankengymnastik wird den modernen Anforderungen physiotherapeutischer Verfahren nicht mehr gerecht, weil nicht nur Kranke die Leistungen in Anspruch nehmen und Gymnastik als Leibes- und Körperübung die verwendete Methodenvielfalt sehr einschränken würde.

was ist eine Bewegungstherapie?

Die Bewegungstherapie ist das Hauptaufgabengebiet der Physiotherapie und die verschiedensten dort angewandten Behandlungsmethoden und Behandlungstechniken. Auf der Grundlage einer physiotherapeutischen Untersuchung werden Funktionsstörungen im Bereich Schmerz, Stoffwechsel und Durchblutung, Beweglichkeit, Koordination, Kraft und Ausdauer ermittelt.

Ein gezieltes und individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepaßtes bewegungstherapeutisches Übungs- und Behandlungsprogramm hat zum Ziel, die Selbständigkeit der Person in ihrem sozialen Umfeld nach einer Erkrankung oder Verletzung wieder aufzubauen beziehungsweise zu erhalten. Der (Wieder-)Aufbau der körperlichen Leistungsfähigkeit trägt, wie jeder, der schon einmal krank war weiß, entscheidend zur Lebensqualität bei - und genau an diesem Punkt setzt die Bewegungstherapie an.

was ist Krankengymnastik?

[Heilgymnastik, Kinesiotherapie, Kinesiatrik, Mechanotherapie, Bewegungsbehandlung] Krankengymnastik ist der planmäßige und abgestufte Einsatz passiver Maßnahmen wie Massagen und Dehnübungen und aktiver körperlicher Bewegungsübungen unter der Anleitung eines Physiotherapeuten mit dem Ziel, Funktionsstörungen des Körpers und Fehlentwicklungen zu beseitigen oder zu vermeiden und Heilungsvorgänge zu unterstützen. Der Patient wird meist aktiv in den Heilungsprozeß mit einbezogen. Krankengymnastik findet Anwendung besonders in der Orthopädie (z.B bei Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen, Haltungsfehlern), Neurologie (z.B. bei Schlaganfallpatienten oder Spastikern), Gynäkologie (bei Schwangerschaften) und Chirurgie (z.B. nach Operationen des Bewegungsapparates). Sie wird vorbeugend, therapieunterstützend und in der Rehabilitation eingesetzt. Über das Bewegungssystem erreicht der ganzheitliche Ansatz der Krankengymnastik auch Heilwirkungen bei inneren Erkrankungen (z.B. Kreislauf, Atmung). Die Krankengymnastik ist Teil der Physiotherapie. Bobath- Methode, Vojta-Methode.
(Quelle: www.wissen.de)

Krankengymnastik, das bedeutet aktives Handeln gegen Schmerzen.

Die Krankengymnastik ist eine aktive und sehr wichtige Behandlungsform. Schädigungen durch verkürzte Muskelgruppen und Ungleichgewichte in der Muskulatur (muskuläre Dysbalancen) verursachen häufig erhebliche Schmerzen. Diese Schäden können nur durch gezielte Kräftigung der Muskulatur behoben werden. Krankmachende Bewegungsabläufe sollen durch gezieltes Üben dauerhaft vermieden werden. Aus diesem Grunde ist der therapeutische Sport so wichtig. Er unterstützt auch den Heilungserfolg anderer Behandlungsmethoden und verbessert die physische und psychische Gesundheit.

Gruppen fördern die Aktivität

Krankengymnastik ist meistens eine dauerhafte Aufgabe. Auch nach einer fachgerechten Anleitung sollten Betroffene die Übungen regelmäßig weiter durchführen. Krankengymnastik kann Einzeln oder in Gruppen durchgeführt werden. Gruppenbehandlungen unterstützen das psychische Erlebnis der Gemeinsamkeit und sind, falls möglich, der Einzelbehandlung vorzuziehen.

Verschiedene Techniken kommen zum Einsatz.

Je nach Erkrankung werden verschiedene Techniken eingesetzt:

  • Funktionelles Üben fördert aktiv die Beweglichkeit von Muskeln und Gelenken.
  • Mobilisation umfaßt passive Übungen, bei denen der Physiotherapeut den Körper des Patienten, der häufig bettlägerig ist, "durchbewegt".
  • Haltungsturnen ist ein Bereich, bei dem Betroffene durch gezielte sportliche Übungen geschwächte Muskulatur stärken. In diesen Bereich fallen z. B. die Rückenschulen, die nach Abklingen akuter Schmerzzustände Linderung bringen.
  • • Lähmungen werden mit speziellen Übungen behandelt, die in der Regel nach Bobath oder PNF (Propriozeptive neuromuskuläre Faszilitation) durchgeführt werden. Dabei werden meistens alltägliche Bewegungsmuster so lange wiederholt, bis sich im Gehirn die durch die Lähmungsursache (Schlaganfall, Unfall) "gelöschten" Programme neu entwickeln. Für diese Behandlung braucht ein Physiotherapeut eine Zusatzausbildung.

Gedanken zur Bewegungsentwicklung und zur Krankengymnastik beim Kind mit Down-Syndrom im ersten Lebensjahr

Einleitung

Im ersten Lebensjahr ist die Bewegungsentwicklung von Säuglingen das sichtbarste Merkmal von Entwicklung. Die Erwartung der Umwelt richtet sich auf das Sitzen und Gehen des Säuglings. Diese ist im ersten Lebensjahr die schwierigste Aufgabe.
Der Säugling lernt nicht nur die Aufrichtung, er lernt auch die Aufrechterhaltung seines dynamischen Gleichgewichts und seine innere Sicherheit unter immer schwierigeren Bedingungen zu beherrschen: Die Stützfläche wird immer kleiner und der Schwerpunkt entfernt sich immer weiter vom Boden. Der Säugling lernt Bewegungsübergänge, um von einer Position in die nächste zu kommen. Er lernt dabei sein Gleichgewicht immer feiner auf die Bewegungsübergänge abzustimmen und so seine Umgebung zu erforschen und Erfahrungen zu machen. Er lernt sich Ziele zu setzen, probiert aus und stellt neue Fragen. Er lernt dabei nicht nur, sich zu bewegen, sondern er lernt - wie es Emmi Pikler formuliert hat - vor allem auch das Lernen.
Bei einem Säugling mit einem Down Syndrom besteht die große Sorge, daß die Bewegungsentwicklung aufgrund der meist hypotonen Muskulatur langsamer oder vielleicht auch abweichend verlaufen könnte. Eltern und Therapeuten glauben zumeist, daß diese Verzögerung sich nachteilig auf die kognitive Entwicklung auswirken könnte. Ein sitzendes Kind könne mehr von der Umwelt wahrnehmen, intensiver spielen und somit auch leichter lernen als ein am Boden liegendes Kind. Aus diesem Grund werden gerade Kinder mit Down Syndrom häufig schon frühzeitig aufgesetzt.

Eine Vielzahl von Säuglingen mit Down Syndrom bekommen im ersten Lebensjahr eine krankengymnastische Behandlung. Ziel ist es, die hypotone Muskulatur zu aktivieren und die Bewegungsentwicklung zu fördern, manchmal sogar zu beschleunigen, um den motorischen Entwicklungsrückstand möglichst gering zu halten. Die Eltern bekommen vom Therapeuten gezeigt, wie sie ihr Baby tragen und handhaben können - und vielleicht noch ein paar Übungen dazu. Sie sind im allgemeinen im ersten Lebensjahr mit diesem Angebot zufrieden und freuen sich über die Fortschritte ihres Kindes.

Geht es aber bei der Entwicklung eines behinderten Kindes nicht um mehr als um das Erreichen von Bewegungsresultaten? Ein Säugling, der eine geistige Behinderung hat, lernt im allgemeinen langsamer; er braucht viel Zeit und viele Wiederholungen, um Eindrücke zu verarbeiten. Das Erlernen von Bewegungen ist ein Lernprozeß. Auch wenn die Bewegungsabläufe bis zum Gehen genetisch vorprogrammiert sind, gibt es doch große Unterschiede in der Bewegungsqualität und im zeitlichen Ablauf.

Für den Therapeuten sind hier die wichtigsten Fragen: Wie kann ein kleiner Säugling lernen, die Initiative zu ergreifen, wie kann er Vertrauen und Sicherheit in seine Fähigkeiten gewinnen, und wie kann seine Eigenaktivität gestärkt werden? Wie wenig Unterstützung ist nötig, damit das Kind seine Kompetenz vermehren kann? Und was bedeutet es für den Säugling, wenn er sich das erste Mal auf die Seite dreht, die Sicherheit der Rückenlage - der größeren und sicheren Auflagefläche - verläßt und sich auf der Seite im Rumpf ausbalancieren muß. Wir fragen uns, wie häufig er diese Positionsveränderung ausprobieren wird und mit welchen Variationen. Irgendwann wird er seinen Kopf abheben und auf dem Bauch landen. Er lernt sein Ruhe- und Aktivitätsbedürfnis wahrzunehmen, seine Muskelspannung zu regulieren, und er beginnt sich mit seinem Gleichgewicht auseinanderzusetzen, während er Übergangspositionen übt wie die Seitenlage, den abgestützten Seitsitz und andere wichtige Bewegungsübergänge. Der Säugling aktiviert seine Muskulatur und übt sie dabei ständig.

Ein Kind mit Down Syndrom, das vorzeitig aufgesetzt wird, kann sich vielleicht selbständig im Sitzen halten, aber von dieser Position nicht in eine andere gelangen. Es kann sich auch nicht ausruhen, wenn es nicht mehr sitzen möchte. Es ist abhängig vom Erwachsenen, der es "retten" muß. Mehr noch: das kleine Kind spürt frühzeitig eine Erwartung, die es selbst noch nicht erfüllen kann. Es erlebt Hilflosigkeit. Ein Säugling mit hypotoner Muskulatur benötigt die breite Basis des Bodens viel längere Zeit zur Sicherung seines Gleichgewichts und seiner Stabilität. Das heißt auch, daß er viel längere Zeit in Rückenlage am Boden verbringt, bevor er selbständig in der Lage ist, sich in eine unsicherere Position zu begeben - zunächst die der Seitenlage.

Krankengymnastische Ziele

Im ersten Lebensjahr besteht die krankengymnastische Betreuung im Kennenlernen des Säuglings, seiner Beobachtung und Begleitung sowie der Unterstützung der Eltern. Allgemeines Ziel ist es, Überforderungen zu verhindern und Fähigkeiten des Kindes aufzudecken; Zusammenhänge zwischen persönlicher Entwicklung sowie Bewegungs- und Spielentwicklung sind zu erkennen und zu unterstützen.

In der Krankengymnastik wird die Initiative und Eigenaktivität des kleinen Kindes unterstützt. Im Mittelpunkt steht das Lernen von Übergangsbewegungen und -positionen. Der Säugling lernt für seine kognitive und auch muskuläre Entwicklung vor allem durch dynamische Bewegungsabläufe und weniger durch statische Positionen. Gerade weil ein geistig behindertes Kind kognitiv eher weniger Fähigkeiten hat, Variationen einer Aufgabe zu entdecken, kann es diese besonders gut durch die Bewegungsentwicklung lernen.

Voraussetzung ist jedoch eine Umgebung, die selbständiges Ausprobieren ermöglicht. Das Anbahnen von Positionen und Übergängen oder das Korrigieren von Haltungen stört in dieser frühen Zeit das Kind bei seinen Selbstentdeckungen und stört daher auch sein Lernen; es fördert Unselbständigkeit und Abhängigkeit. Dies ist bei motorisch sich sehr langsam entwickelnden Kindern nicht leicht und setzt einerseits ein hohes Maß an Zurückhaltung voraus, andererseits aber eine gute Beobachtungsfähigkeit und ein genaues Wissen über die Bewegungsentwicklung.
Ziel der therapeutischen Sitzungen ist es, dem Kind den Raum für Bewegungserfahrung zu ermöglichen. Dies ist für lange Zeit der Boden, auf dem es sich drehen und rollen kann und wo das Kind seiner Entwicklung entsprechende Spielgegenstände angeboten bekommt. Als nächster Schritt kommen kleine Hindernisse und geringfügige Höhen in Form von Ebenen oder großflächigen Klötzen dazu. Hier lernt das Kind, sein Gleichgewicht zu verlagern, um so einen Gegenstand von einer Höhe zu nehmen oder auch eine Höhe durch Robben zu überwinden, und zwar bevor es krabbeln oder gar sitzen kann. Er lernt durch die höheren Ebenen Übergänge und Übergangspositionen in unterschiedlichen Höhen. Der Säugling ist im allgemeinen wenig am Sitzen interessiert, da dies häufig eine Sackgasse ist, da es für das kleine Kind zunächst sehr mühevoll ist, aus der Sitzhaltung in eine andere Position zu kommen. Die Bewegungserfahrung mit immer schwierigeren Hindernissen und Höhen fordert vom Kind, seinen Körper gut zu beherrschen; es spürt - weil es dann nicht weiter kommt - wenn seine Beine in Abduktion fallen. Es lernt Gefahren abzuschätzen und seine Fähigkeiten einzuschätzen. Dabei lernt es vor allem, selbstverantwortlich für sich zu werden. Die Eltern lernen bei der Beobachtung die Fähigkeiten ihres Kindes kennen und können dies möglicherweise in ihr häusliches Umfeld übertragen.

Das Kennenlernen der eigenen Initiative beginnt für das Kind bereits in den ersten Lebensmonaten. Die Aufgabe der Krankengymnastin ist es zu erkennen, wie sie die Umgebung des Kindes gestalten muß. In den ersten Monaten gibt es noch nicht so viel zu tun, da geht es um die Rückenlage und besonders um Gegenstände, die neben das Kind gelegt werden. Vor allem gilt es zu beobachten, zu kommunizieren und abzuwarten. Diese Tätigkeit ist viel schwieriger und intensiver als die "Verabreichung" eines Übungsprogrammes.

Schluß

Ein kleines Kind mit Down Syndrom ist meistens in seiner Bewegungsentwicklung viel langsamer als ein gleichaltriges Kind. Eine Beschleunigung seiner Entwicklungsschritte durch Vorwegnahme von nicht selbständig erreichten Bewegungspositionen vermindert schließlich seine Eigenaktivität. Sie verhindert auch das selbständige Ausprobieren und das Lernen. Erreichte Bewegungsschritte messen sich nicht an der Zeit, sondern an der Qualität der Bewegung und seiner Sicherheit.

Ein behindertes Kind, das initiativ und sicher in seinen Bewegungsabläufen ist, kann sich mit aller Aufmerksamkeit seinem Spiel hingeben. Wir wissen alle, daß ein Kind mit Down Syndrom das Gehen lernen wird. Wir wissen auch wie wichtig die Selbständigkeit und Selbstsicherheit für die Persönlichkeitsentwicklung eines behinderten Menschen ist. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten - "ich versuche es - ich schaffe es - ich lerne lernen" beginnt bereits im Säuglingsalter. Unterstützen wir das Kind und vor allem auch seine Eltern: das Kind, seiner eigenen Entwicklungskompetenz zu vertrauen, und die Eltern, ihr Kind auf diesem Weg zu stärken.

Monika Aly, März 1997

Quelle: Monika Aly: Gedanken zur Bewegungsentwicklung und zur Krankengymnastik beim Kind mit Down-Syndrom im ersten Lebensjahr bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet Stand: 22.03.2005 URL: http://bidok.uibk.ac.at/library/aly-bewegungsentwicklung.html